Kajak und Walfang

“Der Kajakfang ist ein herrlicher Sport, ein spielender Tanz mit dem Meer und dem Tode. Man kann nichts stolzeres sehen als den Kampf des Ruderers gegen die schweren Wellen, die ihn ganz unter sich begraben. Oder wenn die Boote, draussen vom Unwetter überfallen, den Hafen suchen müssen und gleich schwarzen Sturmvögeln vor dem Wind heransausen, während ihnen die Wogen wie rollende Berge folgen. Dann wirbeln die Ruder durch Wasser und Luft, der Oberkörper ist leicht vornübergebeugt, und der Kopf wendet sich häufig, nach Sturzwellen ausspähend, halb zurück. Alles ist da Leben und Mut, obwohl die See rings umher einem schäumendem Schlunde gleicht.”

Fridtjof Nansen, Polarforscher (1861-1930)


Walfang im Grönlandkajak
Quelle: flickr.com; Autor: Ville Miettinen

Der Eskimo und sein Kajak bilden – jedenfalls in europäischer Vorstellung – eine geradezu heraldische Einheit. Das illustrieren auch die Buchumschläge einiger "klassischer" Publikationen zum Thema. So sehen wir Eskimos auf der Jagd im Kajak auf dem Umschlag der 1986 neu auf deutsch herausgegebenen Tagebücher (1737) sowie der Naturgeschichte Grönlands (1741) des dänischen Begründers der Grönlandmission, Hans Egede.


Wir sehen Eskimos auf der Jagd im Kajak auf dem Umschlag von Henrik Rinks 1877 auf englisch erschienener gründlicher Monographie zu Land und Leuten, "Danish Greenland. Its People and Products". Doch was wird gejagt? Wir sehen es nicht. Anders bei Fridtjof Nansens "Eskimoleben" (1891). Hier ist auch die Beute mit im Bild: ein bedrohlich sich aus dem Wasser auftürmendes Walross, das im Buch denn auch “schlimmer Gegner” genannt wird. In historischer Zeit – und das heisst im Fall der schriftlosen Inuit erst ab dem 18. Jahrhundert, als die ersten ihnen gewidmeten Forschungsberichte erschienen – wurde das Kajak in der Regel tatsächlich vor allem zur Robbenjagd benutzt.

Jagd vorallem auf Kleinwale

Bei Rink, der sich als Königlicher Inspektor für Südgrönland tatkräftig für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Ureinwohner einsetzte, findet sich auf einer der Illustrationen, die er bei einheimischen Jägern in Auftrag gegeben hatte, aber auch die Darstellung einer Jagd auf einen Weißwal vom Kajak aus. Der Jäger hat seine Harpune eben mit dem Wurfholz geworfen, während das mit der Leine verbundene, zum Schwimmer aufgeblasene Robbenfell, das das untergetauchte Tier an die Oberfläche zwingen und seinen Standort markieren wird, noch nicht ins Wasser geworfen worden ist und weiterhin hinter dem Werfer auf dem Kajak liegt. Die in der Regel gut vier Meter langen Weißwale und die etwa gleich großen, ebenfalls bis etwa 1600 Kilo schweren Narwale dürften denn auch die Beute gewesen sein, die sich ein einzelner Jäger in seinem rund 5 Meter langen Gefährt noch zutrauen durfte.


Grönlandwal
Grönlandwal

Eine andere Zeichnung bei Rink stellt allerdings die Jagd auf eine Schule von Adluarsuk dar, und da wird die Blase, so schnell es geht, ins Wasser geworfen, damit Jäger und Boot vom harpunierten Tier nicht unter Wasser gezogen werden. Denn der Ardluk, wie Nansen ihn nennt: “der Speckhauer, eine besonders gefährliche Art”. Damit ist der Schwertwal identifiziert: “Mit seiner Stärke, Gewandtheit und seine greulichen Zähnen kann dieser, wenn er einmal zur Offensive übergeht, den Kajak im Nu zersplittern. Vor ihm fürchten sich selbst die Eskimos, was sie jedoch nicht abhält, ihn, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet, anzugreifen.”


“Früher wurde hier auch auf die großen Walfischarten Jagd gemacht”, fährt Nansen fort. “Dies geschah jedoch von den großen Frauenbooten aus, deren Besatzung dann aus vielen Personen, Männern und Weibern, bestand.”Zu dieser Jagd”, sagt Hans Egede, “schmücken sie sich wie zu einer Hochzeit, sonst schwimmt ihnen der Walfisch fort, denn er kann keine schmutzigen Kleider leiden.” Der Walfisch wurde vom Vordersteven aus harpuniert, brachte dann aber manchmal das Boot durch einen Schlag mit dem Schwanze zum kentern oder zertrümmerte es sogar. Die Männer waren dabei jedoch so dreist, dass sie auf den Rücken des Tieres sprangen, sobald seine Bewegungen matter wurden, und es dann durch Lanzenstiche töteten. “Diese Art von Jagd kommt heutzutage nur noch selten vor.”


Zu Nansens Zeit war das Umiak in der Tat bereits zum "Weiberboot" herabgesunken, versah also keine Jagdfunktion mehr, sondern diente zu Transportzwecken. War das Umiak in Westgrönland gemäß Birket-Smith um die neun Meter lang, so konnte das aus dem Fell der Bartrobbe beziehungsweise aus Walrosshaut gefertigte Gefährt in Alaska noch beträchtlich länger werden. Aber schon zu den Zeiten Hans Egedes dürfte es wegen der Konkurrenz durch die niederländischen, englischen und nicht zuletzt dänischen Walfänger in der Davis-Straße nicht mehr allzu häufig zum Einsatz gekommen sein. Wenn Großwale erbeutet wurden – vorallem Buckelwale, Pottwale, Finnwale, gelegentlich noch Glattwale – dann waren es meist tote, treibende oder gestrandete Tiere, die auch eines natürlichen Tods gestorben sein konnten.

Großwaljagd in Sibirien und in Alaska

Die Jagd auf Großsäuger im allgemeinen und ganz besonders auf einen Großwal ist dem Einzelnen nicht möglich. Sie ist also zwingend eine arbeitsteilige Angelegenheit. Diese Arbeitsteilung ergibt sich natürlicherweise für eine Bootsbesatzung, deren Glieder unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Sie ist aber auch denkbar als Organisation kooperierender Kajakfahrer. Jedenfalls ein Vorteil ist es, wenn möglichst viele Boote zur Verfügung stehen, da man nie weiß, wo ein getroffener und abgetauchter Wal wieder erscheinen wird.


Nun haben archäologische Befunde ergeben, dass die Paläoeskimos Tschukotkas und Westalaskas bereits um das Jahr 1000 v. Chr. systematisch Jagd auf den Grönlandwal und den Grauwal machten. So zeigten Petroglyphen von Pegtymel an der Nordküste der Tschuktschenhalbinsel die Jagd auf Wale, von denen der eine ein Buckelwal, der andere ein Grauwal sein könnte: von Booten aus, in denen acht, fünf und drei Köpfe zu sehen sind. Laut dem Tübinger Urgeschichtler Hansjürgen Müller-Beck, der auf Tschukotka Grabungen durchführte, kamen allerdings zuerst Kajaks und erst später auch Umiaks zum Einsatz. Er weist auf drei Faktoren hin, die die Jagd erleichterten: die geringe Wassertiefe von durchschnittlich 40 Metern in der Beringstraße, die den harpunierten Tieren das Abtauchen erschwerte; dann der wahrscheinliche Einsatz von Gift, der für diese Region in späteren Epochen bezeugt ist, und schließlich die Tatsache, dass zumindest tote Glattwale und Buckelwale einige Tage nach dem Absinken aufgetrieben werden. Die Gasentwicklung im Innern des von einem Fettpanzer umschossenen Körpers kann jedoch derartige Dimensionen annehmen, dass die Kadaver buchstäblich explodieren.

Text: Christoph Egger

 
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